Donnerstag, 10. August 2017

Jaroslav Kalfar - Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt





Verlag: Tropen
Seiten: 368
Erschienen: 05. August 2017
Preis: 22 Euro (Ebook: 17.99 Euro)






Jakub Procházka wird als erster tschechischer Astronaut alleine mit einem Raumschiff ins Weltall geschickt. Seine Mission lautet eine mysteriöse kosmische Staubwolke in der Nähe der Milchstraße zu untersuchen. Die Mission soll seinem Land die Ehre und den Ruhm einbringen, das es schon so lange verdient hat. 
Nach mehreren einsamen Wochen im All beginnt Jakub allerdings langsam die Kontrolle über seine Sinne zu verlieren. Plötzlich taucht in seinem Raumschiff ein merkwürdiges Wesen, mit haarigen acht Beinen und einer Vorliebe für Nutella, auf. Als dann auch noch Jakubs Frau, Lenka, ihre Beziehung von der Erde aus beendet, scheint Jakubs Raumfahrer-Karriere eine nicht geplante Wendung zu nehmen...

"Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt" von Jaroslav Kalfar ist ein sehr gutes Beispiel, wie man sämtliche Genregrenzen sprengen kann. Der Debütroman von Kalfar vereint sowohl fantastische, biografische und Science-Fiction Elemente in sich und ist dadurch zu einer unglaublich besonderen Geschichte geworden. Eine Geschichte, in dessen Mittelpunkt ein gewöhnlicher Physiker steht, der plötzlich zur Hoffnung einer ganzen Nation wird.
Jakubs Familie steht nach dem Fall der Sowjetunion auf der falschen Seite der Geschichte. Sein Vater, als Spion angeklagt, stirbt, bevor er verurteilt werden kann. In einem Akt der lebenslangen Wiedergutmachung der Taten seines Vaters, zögert Jakub keine Sekunde, als er das Angebot erhält die kosmische Staubwolke zu untersuchen. Auch wenn er dadurch seine Ehe mit seiner Frau Lenka gefährdet. 
Während Jakubs Abenteuer im Weltall werden immer wieder Rückblenden in seine Vergangenheit in die Handlung eingebaut, die das Bild einer ganzen Familie entstehen lassen, die lebenslang für Taten büßen muss, die sie nicht begangen hat. Zudem ist "Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt" eine Hommage an die Stadt Prag, die einen wichtigen Stellenwert in der Handlung einnimmt, und als Heimatstadt des Autoren dementsprechend gewürdigt wird. 
Besonders gefallen haben mir die bereits erwähnten vielen Rückblenden in die Vergangenheit des Protagonisten, die einen guten Überblick über das Familienporträt der Hauptfigur einbrachte. Zudem bekommt gerade am Ende der Handlung eine, zunächst eher unbedeutende, Nebenfigur plötzlich einen unheimlich intensiven Stellenwert in der Geschichte, die mich nicht nur überrascht hat, sondern absolut überzeugen konnte. Weil ich nichts vorweg nehmen möchte, sollte diese kluge Wendung in der Handlung allerdings alleine entdeckt werden.
Mein absolut persönliches Highlight stellt allerdings der blinde Passagier auf Jakubs Weltraummission dar. Das geheimnisvolle achtbeinige Wesen mit der Vorliebe für Nutella und einen Hang dazu die Spezies Mensch genau unter die Lupe nehmen zu wollen. Jakubs Mitreisender brachte nicht nur viel Abwechslung in die Handlung, sondern auch einen Hauch Philosophie, die man gerade in seinen vielen Gesprächen mit dem Protagonisten erkennt. 
Mit den vielen historischen Begebenheiten, den philosophischen und fantastischen Elementen, ist "Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt" gewiss keine Geschichte, die man an jeder Straßenecke findet. Sie strahlt eine Besonderheit aus, die sie fast schon liebenswert macht. Genau so wie ihre Figuren und vor allem ihren Protagonisten, der nach seinem ständigen Drang nach Höherem zu streben, resultierend aus seiner ungewöhnlichen Familiengeschichte, vergisst, was wirklich im Leben wichtig ist. Bis ihn ein kleines Wesen aus dem Weltall auf den richtigen Weg führt. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen