Montag, 17. April 2017

Anne Freytag - Den Mund voll ungesagter Dinge




Verlag: Heyne fliegt
Seiten: 400
Erschienen: 06. März 2017
Preis: 14.99 Euro (Ebook: 11.99 Euro)







Das ist Sophie. 17 Jahre alt.
Von ihrer Mutter als Baby verlassen und seitdem auf der Suche diesen Verlust irgendwie auszugleichen. 
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verkündet ihr Vater plötzlich, dass er mit Sophie von Hamburg nach München zu seiner neuen Freundin und ihren zwei kleinen Söhnen ziehen will. Aus ihrem alten Leben herausgerissen, fühlt sich Sophie wie der am meisten missverstandene Mensch auf diesem Planeten.
Was haben die Leute bloß immer mit dieser Liebe?
Sophie selbst war noch nie verliebt, es gab da schon ein paar Jungs, doch nach ihren Erfahrungen brachten ein paar Jungs auch immer ein paar Probleme mit sich.
Doch dann tritt Alex, das Nachbarsmädchen mit den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen, in Sophies Leben. Und dieses Leben wird besser und aufregender. 
Bis ein Kuss alles verändert...

Schon im Vorfeld habe ich einige Meinungen zu dem neuen Roman von Anne Freytag "Den Mund voll ungesagter Dinge" zu lesen und zu hören bekommen. Und anders als bei ihrem Jugendbuchdebüt "Mein bester letzter Sommer" waren auch einige negative Stimmen mit dabei. Viele mochten die Protagonistin nicht, oder waren mit der Art und Weise nicht einverstanden, wie einzelne Themen in der Handlung angegangen wurden. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Meinungen war ich natürlich dementsprechend neugierig wie mir "Den Mund voll ungesagter Dinge" gefallen würde, und schlussendlich noch überraschter, dass es mir sogar besser als "Mein bester letzter Sommer" gefallen hat.

Dabei kann ich sogar die Kritikpunkte nachvollziehen, ich hatte auch meine Probleme mit Sophie. Ich fand sie egoistisch und konnte nicht fassen, wie sie in vielen Situationen reagiert hat. Kurz darauf habe ich mir allerdings schon wieder die Frage gestellt, wie ich reagiert hätte, wenn ich mit 17 Jahren, von der Mutter als Kind verlassen, von meinem Vater aus vertrauter Umgebung gerissen in eine fremde Stadt, in ein fremdes Haus mit fremden Menschen gezerrt worden wäre. Mit meinen 28 Jahren würde ich natürlich denken, dass mein Vater eine neue Liebe verdient hat, dass ich nun einmal jetzt zurückstecken müsste, um mich bestmöglich mit der neuen Situation zu arrangieren. Aber junge Menschen denken eben nicht so. Für sie ist so eine Situation die größte Ungerechtigkeit, die passieren kann, und da denkt man egoistisch und fühlt sich schlecht behandelt. Aus dieser Sicht betrachtet, fand ich Sophies Verhalten nicht unbedingt nachvollziehbar, aber doch realistisch. Sie ist nun einmal keine Protagonistin zum Liebhaben, sondern eine mit Ecken und Kanten, aber was ich allerdings noch einmal betonen möchte, mit vielen liebevollen Charakterzügen.

Und dann ist da noch die Geschichte an sich, die mich besonders im ersten Teil richtig verzaubert hat. Auf eine unglaublich liebevolle, zarte und vor allem ehrliche Art und Weise tastet sich die Autorin an das Thema gleichgeschlechtliche Liebe heran. Eine Liebe voller Missverständnisse, Emotionen und Glücksmomenten. Und- große Überraschung - plötzlich bekommen wir eine ganz neue Seite von Sophie zu sehen, die sich das erste Mal wirklich auf einen anderen Menschen einlässt. Beim Lesen habe ich die Momente, in denen sich Sophie und Alex begegnen richtig herbeigesehnt, weil es so gewirkt hat, als wäre bei beiden etwas kaputt gegangen, was nur der jeweils andere wieder reparieren kann. Und was war das für eine Anziehungskraft zwischen den beiden. Ich habe mich zwischendurch gewundert, dass die Funken nicht aus dem Buch heraus geflogen sind.

Anne Freytag ist eine ehrliche, leichte und zarte Liebesgeschichte gelungen, die auf jeder Seite ohne Kitsch auskommt. Zudem erzählt "Den Mund voll ungesagter Dinge" noch so viel mehr. Es geht um das Erwachsen werden, um die schwierige Findungsphase von Jugendlichen zwischen den Fragen "Wer bin ich?" und "Wer möchte ich sein?", es geht um Lebenssituationen, in denen man plötzlich völlig fremde Menschen als 'Familie' bezeichnen soll. Es geht um das Erleben, ums Bereuen, um das Entdecken und ums Glücklich sein. 
Eine besondere und bittersüße Geschichte, die die Wahrheit sagen und nichts beschönigen will. Unbedingt lesen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen