Donnerstag, 23. November 2017

Krystal Sutherland - Unsere verlorenen Herzen





Verlag: cbt
Seiten: 384
Erschienen: 25. September 2017
Preis: 14.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)





Henry war noch nie richtig verliebt. 
Während seine gleichaltrigen Schulkameraden sich von einem ins nächste Liebesdrama stürzen, hatte er dieses allumfassende und verschlingende Gefühl der großen Liebe noch nie verspürt, bis zu dem Tag, an dem Grace in sein Leben stolperte. Von nun an ist nichts mehr so, wie es einmal war, obwohl man Grace nicht wirklich ansieht, dass sie Teil eine der größten Liebesgeschichten überhaupt geworden ist. Mit ihren viel zu großen Klamotten sieht sie die meiste Zeit aus wie ein Junge. Zudem scheint Grace ein dunkles Geheimnis mit sich zu tragen, das so schwer auf ihr lastet, dass sie scheinbar permanent von einer traurigen Wolke umgeben zu sein scheint. 
Doch Henry lässt sich davon nicht beirren und setzt alles daran hinter Grace' mühsam aufgebauten Fassaden zu blicken, denn die große Liebe ist das doch wert, oder?

Als ich die letzten Zeilen von "Unsere verlorenen Herzen" von Krystal Sutherland gelesen habe, war ich zugegebenermaßen sehr überrascht. Durch das Cover und auch durch die Beschreibung des Inhalts der Geschichte, entsteht zunächst der Eindruck es mit einer typisch klischeehaften Liebesgeschichte zu tun zu haben, bei der man wahrscheinlich mehr als einmal die Augen verdreht, weil der Kitsch überhand nimmt. Am Ende quittiert man das Ganze dann mit einem nachsichtigen Lächeln und ordnet das Buch bei "Leichtes für zwischendurch" ein. Tatsächlich aber ist der Debütroman von Sutherland etwas ganz anderes geworden. Etwas, dass das Herz schwer macht, es vor Freude hüpfen lässt und etwas, dass noch ziemlich lange nachklingt.
Die Autorin schafft es mit einer treffischeren und fast schon liebevollen Präzision sich in ein jugendliches Herz zu denken und dabei auch die verschiedenen Typen von Teenagern herauszustellen. Da ist einmal der gutmütige und fast schon liebeskranke beste Freund von Henry, Murray, der ,sein Herz einmal verschenkt, alles daran setzt seine Angebetete für sich zu gewinnen, ob sie nun will oder nicht. Dann gibt es noch die clevere Lola, Henrys beste Freundin, die zu allem einen guten Rat weiß und alles dafür tut, ihre Freunde zu beschützen und natürlich Henry, der etwas schüchterne aber durchaus witzige normale Typ, der plötzlich das einzigartige und unverwechselbare Gefühl der Verliebtheit verspürt, dabei aber auch lernt, dass dieses Gefühl nicht nur Schmetterlinge im Bauch erzeugt, sondern auch verdammt weh tun kann. Die Figur der Grace war dann noch einmal etwas ganz anderes, da ihr dunkles Geheimnis ihr alle Möglichkeiten genommen hat wie ein normaler Teenager zu leben. Trotzdem gelingt es Sutherland auch hier Grace zerbrochene innere Gefühlswelt perfekt einzufangen und rüber zu bringen. 
Und das alles schafft die Autorin ohne auch nur an einer Stelle klischeehaft oder kitschig zu werden. Nichts an "Unsere verlorenen Herzen" wirkt überladen oder krampfhaft konstruiert. Es ist eine zarte und fast schon zerbrechliche Geschichte über das Erwachsenwerden geworden, der es weder an ernsthafte Themen, wie Trauer und Verlust, als auch an der genau richtigen Prise Humor fehlt. Es ist fast schon unmöglich die Figuren nicht sofort ins Herz zu schließen, weil sie unglaublich sympathisch sind und einfach richtig in der Geschichte wirken. Besonders Henry hat es mir angetan, weil ich die Tatsache eine jugendliche Liebesgeschichte aus der Sicht eines männlichen Protagonisten erzählt zu bekommen als angenehm und auch noch nicht sooft dagewesen empfunden habe. Henry macht es dem Leser ziemlich leicht ihn zu mögen und das nicht nur, weil er großer Harry Potter Fan ist. 
Am Ende von "Unsere verlorenen Herzen" wird deutlich, dass die Autorin mit ihrer Geschichte wirklich alles richtig gemacht hat, denn kein Ende hätte besser zu diesem Buch gepasst als das, das hier erzählt wurde. 
"Unsere verlorenen Herzen" ist ein Roman, den man nicht so schnell vergisst. Er verkleidet sich als typische Teenager Romanze und überrascht dann mit einer unglaublich Intensität und Tiefgründigkeit. 

Freitag, 17. November 2017

Klaus Cäsar Zehrer - Das Genie



Verlag: Diogenes
Seiten: 658
Erschienen: 23. August 2017
Preis: 25 Euro 
(Ebook: 21.99 Euro)





William James Sidis ist mit seinen elf Jahren ein absolutes Wunderkind. 
Als einer der jüngster Harvard Student aller Zeiten, steht er permanent in der Öffentlichkeit und wird von der Presse als Genie gefeiert. 
Sein Vater, Boris Sidis, ein bekannter Psychologe, vom brennenden Ehrgeiz angetrieben, steht mit dem Wunderkind-Status seines Sohnes ebenfalls im Rampenlicht. Boris' einziges Ziel war es immer die Welt mit Bildung zu verbessern und in William sieht er seinen absoluten Erfolg verkörpert, da er ihn von Geburt an mit einer speziellen Erziehungsmethode trainiert hat, wodurch, nach Boris' Ansicht, jedes Kind zum Genie werden kann. 
Doch als William älter wird, wird schnell deutlich, dass er etwas ganz anderes mit seinem Leben geplant hat, als sich seine Eltern für ihn ausgedacht haben. Und, dass er sein Leben genauso leben will, wie er es möchte, egal, was es kostet.

Ich habe jede einzelne Seite von "Das Genie" von Klaus Cäsar Zehrer geliebt. Obwohl das Buch mit seinen knapp siebenhundert Seiten schon recht üppig geraten ist, hätte ich noch tausend weitere Seiten vom unfassbar faszinierenden 'Harvard-Wunderkind' lesen können. 
Ich habe selten etwas vergleichbares Fesselndes gelesen wie die Lebensgeschichte von William James Sidis. Obwohl man korrekterweise anmerken muss, dass die Geschichte von "Das Genie" mit Williams Eltern, Boris  und Sarah, begann, was wohl auch eine Art Zeichen für den Rest der Geschichte setzen sollte. Sein gesamtes Leben kämpfte William gegen seine Eltern. 
Sein Vater, von Ehrgeiz zerfressen, will alles daran setzen die Welt durch Bildung zu verbessern. Mit seiner sogenannten 'Sidis-Methode' startete er bei seinem ersten Kind den Versuch einen perfekten Menschen zu erschaffen. Und damit beginnt auch das sehr lange anhaltende ambivalente Verhältnis des Lesers gegenüber dieser Vaterfigur. 
Zunächst stimmt man Boris' Prinzipien zu, dass Kinder bei frühst möglicher Förderung alles an Potenzial ausschöpfen können, was das Gehirn ihnen bietet. Als Leser ist man beeindruckt, dass man an William beobachten konnte, zu wie viel Leistung der menschliche Geist in der Lage ist. Auf der anderen Seite allerdings fehlt der Figur des Boris jegliches Empathie Gefühl. Boris ist nicht in der Lage zu sehen, wie das Experiment mit seinem Sohn langsam aber sicher scheiterte. Und genau das ist der Punkt, warum man fast atemlos durch die Seiten von "Das Genie" fliegt. Alle drei tragenden Figuren in Zehrers Geschichte,Boris, Sarah und William, begannen als Charaktere, die zweifellos besondere Fähigkeiten hatten, auf ihre Arten und Weisen mochten sie etwas in der Welt bewirken und strebten nach Höherem. Während die Handlung ihren Lauf nimmt, ist der Leser plötzlich Zeuge jeder einzelnen exzentrischen Verwandlung der Figuren, die diese an verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte durchlaufen. Die Eigenarten nehmen immer mehr zu und man beginnt auch zu den beiden restlichen Charakteren ein ambivalentes Verhältnis aufzubauen.
Am tragischsten agiert dabei die Figur des William, der auf der ständigen Suche nach seinem Platz im Leben immer in Sackgassen zu enden scheint, aufgrund seiner Genialität und seiner absoluten Unfähigkeit im sozialen Interagieren. Auch wenn Williams Exzentrik am deutlichsten in diesem Roman dargestellt wurde, konnte ich nichts anderes für ihn empfinden außer Sympathie und Mitleid. 
Klaus Cäsar Zehrer hat mit "Das Genie" einen unglaublich großartigen Roman geschrieben. "Das Genie" handelt vom tragischen Scheitern eines bis hierhin mir völlig unbekannten real existierenden Menschen, den ich unglaublich bewundert habe. Trotzdem haftet Zehrers genial konstruierten Roman mit einer Mischung aus Fiktion und Realität, auch ein unbehagliches Gefühl an, mit dem Gedanken, was Sidis alles hätte bewirken können, wenn er sein volles Potenzial ausgeschöpft hätte. 
"Das Genie" gehört zweifellos zu den Geschichten, von denen man möglichst vielen Leuten erzählen will, von diesem unglaublich besonderen Menschen, der die Tragik seines Lebens noch nicht einmal erkennen konnte. Zehrers Werk ist zudem ein prägnantes Beispiel, warum ich dem geschriebenen Wort auf so intensive Art und Weise verfallen bin:
Bücher erzählen dir Geschichten von Menschen, die du ansonsten niemals kennen gelernt hättest. Und das wäre bei William ein sehr großer Verlust.

Mittwoch, 8. November 2017

Armand Baltazar - Timeless - Retter der verlorenen Zeit




Verlag: cbj
Seiten: 624
Erschienen: 23. Oktober 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 15.99 Euro)




Jahrzehntelang hatten die Menschen Angst vor dem Weltuntergang. 
In unzähligen Büchern und Filmen wurde dieser in allen möglichen Arten thematisiert. Was dann aber schlussendlich zum Untergang der alten Welt geführt hat, damit hätte keiner rechnen können. 
Man nannte es 'Zeitkollision'. 
Plötzlich lebten Menschen ganz unterschiedlicher Zeiten in einer Welt. Alle brachten etwas aus ihrer alten Welt mit in die neue und so lebt nun die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander. Dass das nicht ohne Probleme abläuft, wird schnell deutlich.
Als der berühmte Vater des dreizehnjährigen Diego entführt wird, setzt der Junge alles daran ihn zu befreien. Mit seinen Freunden Lucy, Petey und Paige macht er sich zu einer Rettungsmission auf. 
Nichts ahnend, dass ihm das größte Abenteuer seines Lebens bevorsteht und dass er Dinge erfahren wird, die er niemals für möglich gehalten hat...

Als ich "Timeless - Retter der verlorenen Zeit" von Armand Baltazar auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt entdeckt habe, wusste ich, dass ich das Buch unbedingt haben musste. 
Schon allein durch die ungewöhnliche Aufmachung der Geschichte ist dieses Schmuckstück ein absoluter Blickfang. Normalerweise beginne ich nicht mit der äußerlichen Gestaltung eines Buches, aber hierbei haben wir es mit einem Sonderfall zu tun. "Timeless" ist eine Mischung aus Graphic-Novel und Abenteuergeschichte. In über hundert aufwendigen und liebevollen Illustrationen unterstützt der Autor selbst seinen Handlungsstrang und nicht nur an den Bildern erkennt man mit was für einer Sorgfalt hier gearbeitet wurde. 
"Timeless" ist handlungstechnisch endlich einmal etwas absolut Neues. Die Idee mit der Zeitkollision trägt die gesamte Geschichte. Dazu hat Armand Baltazar die Handlung an sich so spannend und actiongeladen gestaltet, dass der Leser fast nicht mehr zum Luft holen kommt. 
Ich würde mich nicht als typische Graphic-Novel Leserin bezeichnen, doch trotzdem war ich beeindruckt, inwieweit die Illustrationen das Gelesene unterstützt haben. Es war nicht so, dass die Bilder die eigene Vorstellungskraft gehemmt haben. Sie haben es viel mehr geschafft diese sogar noch zu intensivieren, so dass der Leser fast das Gefühl hat selbst bei diesem einzigartigen Abenteuer dabei sein zu dürfen. Mit Baltazars Illustrationen wirkt die Welt nach der Zeitkollision noch ein bisschen greifbarer. 
"Timeless" erschafft eine Welt, die so besonders und speziell ist, dass man sie am liebsten bis in den letzten Winkel erkunden möchte. Ein Buch reicht für diese Expedition ganz gewiss nicht aus und glücklicherweise ist "Retter der verlorenen Zeit" auch erst der Auftakt einer Reihe, die uns gewiss noch eine Menge Freude bereiten wird. 
"Timeless" ist Abenteuer-, Fantasy- und Science-Fiction Geschichte in einem. Aber vor allem ist es eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt. Selbst, wenn alles zusammenzubrechen droht, wenn du gute Freunde an deiner Seite hast, kannst du jedes Abenteuer bestehen, egal wie groß es ist. 
Unbedingt lesen! 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Leigh Bardugo - Das Lied der Krähen





Verlag: Droemer Knaur
Seiten: 592
Erschienen: 02. Oktober 2017
Preis: 16.99 Euro (Ebook: 14.99 Euro)







Sechs unberechenbare Außenseiter, eine unmögliche Mission.

Kaz Brekker hat eine große Begabung, er scheint sich aus jeder vertrackten Situation oder Falle irgendwie immer wieder befreien zu können. Dieses Talent ist ungemein wertvoll, als seine Truppe, bestehend aus der besten Spionin Ketterdams, Inej, nur 'Das Phantom' genannt, ein rachsüchtiger Ex-Sträfling namens Matthias, eine besondere Magierin mit dem Namen Nina, der beste Scharfschütze, den man weit und breit auftreiben kann, Jesper, und einem Ausgestiegenen aus gutem Hause, Wylan, und er, einen fast schon unmöglichen Auftrag annehmen. 
Sie sollen einen Wissenschaftler aus dem am besten gesicherten Gefängnis der Welt befreien. Als Belohnung winkt ein unvollstellbarer Reichtum. Ganz unterschiedliche Motive und Absichten bringen die sechs Außenseiter dazu sich auf diese Selbstmordmission zu begeben. Jeder der sechs Krähen scheint etwas zu verbergen zu haben und auch auf ihrer Mission scheint einiges nicht so zu sein, wie es am Anfang gewirkt hat...

Nachdem ich die Geschichte um Meisterdieb Kaz Brekker vor ein paar Monaten bereits auf Englisch gelesen hatte, musste ich mir noch einmal unbedingt die deutsche Übersetzung von Leigh Bardugos Meisterstück "Das Lied der Krähen" vornehmen, die übrigens äußerst gelungen ist.
Natürlich geht es an dieser Stelle aber hauptsächlich um die Geschichte, die schon längst zu eines meiner absoluten Lesehighlights des Jahres geworden ist. 
Der Geschichte haftet eine unfassbare und fast schon greifbare Sogwirkung an. Ich hatte noch nie so wenig Probleme gehabt mich in einem neuen Weltenentwurf zurecht zu finden, der zu Teilen auf dem der Grischa-Trilogie von Bardugo basiert, die ich allerdings nicht gelesen habe. Es war, als bewegte ich mich selbst im bunten Treiben von Ketterdam, immer um mich herum die Truppe von sechs Außenseitern, die so unfassbar intensiv gezeichnete Charaktere darstellen, wie man sie schon lange nicht mehr gelesen hat. Dabei ist jeder einzelne von Kaz Truppe so undurchsichtig, als würde er sich mit einem permanenten mysteriösen Schleier umgeben. Aber genau dieser Punkt ist einfach ungeheuer spannend. Man möchte am liebsten alles über die Charaktere erfahren, bekommt aber meistens immer nur stückchenweise Infos zugeworfen, die sich in manchen Fällen noch nicht einmal als vertrauenswürdig erweisen. Mit dieser ständig anwesenden Undurchsichtigkeit besteht zudem ein permanentes Misstrauen nicht nur vom Leser gegenüber fast allen Figuren, sondern auch untereinander. Bloß bei wenigen Ausnahmen scheinen sich die Protagonisten untereinander wirklich zu vertrauen. Das führt allerdings auch zu einigen spektakulären Wendungen in der Handlung, die mich nicht nur einmal nach Luft schnappen ließen. 
Die Charaktere sind so präsent und stark, dass sie es schaffen eine Unvorhersehbarkeit in die Handlung zu bringen, so dass man, als Leser, nie wusste, was als Nächstes passierte. Vor allem Kaz Brekker führt dieses Unvorhersehbare fast zur Perfektion aus. Er ist der Typ Meisterdieb, den man meistens mit bangem Blick ansieht, wenn der gesamte Plan schief zu gehen scheint, und er der Einzige ist, der immer noch eine verblüffende Lösung aus dem Hut zu zaubern bereit ist. Gleichzeitig hofft man, dass man niemals den Tag erlebt, an dem auch ein Kaz Brekker nicht mehr weiter weiß. 
Ich habe mich verliebt in alles. Auf den ersten Seiten. In die Figuren, in das Setting, in diesen unglaublich hirnrissigen Plan, der nur von besonders verrückten und besonders talentierten Leuten umgesetzt werden kann, über Wendungen in der Handlung, die zu akutem Herzrasen führen. In alles und jeden. 
"Das Lied der Krähen" vereint in sich all die guten Dinge, die Fantasy-Fans lieben. Und trotzdem bleibt es realistisch, dass auch nicht Fantasy-Fans nach diesem Buch Fantasy-Fans sind, oder einfach "Das Lied der Krähen" Fans.
Dieses Buch hat mehrere Paraden und Feiertage verdient und ich freue mich schon unglaublich auf die Fortsetzung. 

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Lesemonat September

Liebe Freunde,
herzlich Willkommen zu meinem Lesemonat September. Immerhin noch halbwegs pünktlich. Im letzten Monat habe ich insgesamt sieben Bücher gelesen mit zwei absoluten Jahreshighlights, die natürlich wieder zum Schluss vorgestellt werden. Insgesamt waren es 3106 Seiten. Dann hätten wir die Fakten, also kann es losgehen.
Los ging es mit dem ersten Teil einer Reihe, die schon komplett in meinem Bücherregal gewartet hat. Ich bin doch nicht die Einzige, die das macht, oder? Die 'Lockwood & Co.' Reihe von Jonathan Stroud hatte mir bereits sehr gut gefallen, ich bin definitiv ein Fan von Strouds Schreibstil geworden und auch im ersten Teil der Bartimäus Serie "Das Amulett von Samarakand" wurde ich bestens unterhalten. Es war schon erstaunlich, wie oft man, während der Lektüre, in ein Kichern ausgebrochen ist, weil Bartimäus mal wieder einen besonders albernen Witz gemacht hat. Das ist auf jeden Fall das Besondere an diesem Buch. Es wird nicht aus der Sicht des vermeintlichen jugendlichen Helden erzählt, sondern aus der Perspektive des Dämons, der vom Protagonisten gerufen wird, um ihn bei einer besonders kniffligen Situation beizustehen. Für Leser, die Action und eine gehörige Portion Grusel mögen, das absolut Richtige! Ich freue mich schon auf die restlichen Bände. 
Kommen wir nun zu einem Autoren, der in den letzten Monaten schon fast zu einem guten Freund geworden ist, den man immer mal wieder gerne besucht, um sich von ihm Geschichten erzählen zu lassen. Im Rahmen des John Irving Leseclubs von der zauberhaften Paper and Poetry haben wir alle zusammen "Gottes Werk und Teufels Beitrag" gelesen. Mein zweiter Irving in meiner persönlichen Chronik dieses unfassbar einzigartigen und besonderen Autoren. Zugegeben, das ein oder andere Mal musste ich mich zusammenreißen, um an Homer Wells Geschichte dran zu bleiben, doch das waren wirklich nur Momentaufnahmen. Alles andere war wieder einmal sogartiges Lesen in diesem besonderen Schreibstil Irvings mit den noch einzigartigeren Figuren, die man wohl unter hunderten Geschichten wiedererkennen würde. Wieder einmal ein sehr besonders und wunderschönes Buch. Unbedingt lesen. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat September glich einer besonderen Premiere. Es war meine erste Geschichte von Ernest Hemingway. Wieder so ein großer Name, der sich im Laufe der Novelle allerdings ziemlich schnell zu meinen Lieblingen gesellt hat. Standesgemäß musste ich "Der alte Mann und das Meer" dann auch am Meer lesen. Da bot sich mein September-Urlaub auf der griechischen Insel Kos geradezu an. Und in nur ein paar Stunden habe ich diese kurzweilige aber dennoch gewaltige Geschichte geradezu verschlungen. Der scheinbar aussichtslose Kampf eines einfachen Mannes gegen einen übermächtigen Gegner. Fast schon in leisen Tönen, erzählt hier Hemingway die Geschichte seines tragischen Helden, aber die Eindringlichkeit seiner Worte schimmerte durch jede einzelne Seite hindurch. Es war zwar eine Premiere, aber es wird ganz sicher nicht mein einziges Buch von Mr. Hemingway gewesen sein. 
Kommen wir nun zu einem Wiedersehen nach viel zu langer Zeit und der ganz besonderen Art. Wer sich einmal in den zauberhaften Geschichten von Walter Moers verloren hat, fällt es schwer wieder in die Realität zurückzukehren, es fällt schwer Abschied von Zamonien, dieses einzigartigen und wundervollen Kontinent, zu nehmen, es fällt schwer in seinen Mitmenschen nicht bücherliebende Zauberwesen zu sehen, die sich in den Straßen vor Schaufenstern mit mehr als ungewöhnlichen Auslagen tummeln. Nun war es also soweit. Es ging zurück nach Zamonien, dieses Mal mit der "Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr". Tatsächlich verlief die Reise zurück nach Zamonien allerdings anders als erwartet. Das neue Abenteuer von Moers hat gewiss wieder einmal diesen besonderen Zauber, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass dieses Buch wohl eher den besonders eingefleischten Moers Fans gefallen wird. Wer es noch ein bisschen ausführlicher haben möchte, für den habe ich eine Rezension geschrieben.
Weiter ging es im September mit einem Buch, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste auf seinen Veröffentlichungstermin gewartet hat. Seit ich "19 Minuten" von Jodi Picoult gelesen habe, waren Geschichten, in denen Amokläufe an Schulen thematisiert werden, immer mit einer gewissen persönlichen Schwere verbunden, die ich mir nicht ganz erklären konnte. Man ist so tief erschüttert, von dem, was man dort liest, und weiß gleichzeitig, dass es trotzdem wichtig war diese Worte aufzuschreiben und in die Welt hinauszutragen. "54 Minuten" von Marieke Nijkamp ist so intensiv erzählt, dass es Angst macht. Man ist sich im Klarem auf seinem Lesesessel zu sitzen und trotzdem fühlt man sich in diese Aula versetzt, in der junge Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Menschen, die eigentlich ihr ganzes Leben noch vor sich haben. "54 Minuten" ist teilweise so entsetzlich still, dass man den Schmerz und das Grauen im eigenen Herzen fühlt. Und doch ist es genau das, was diese Geschichte so wichtig macht. 
Und da hätten wir es auch schon. Mein erstes Jahreshighlight im Lesemonat September. "My life on the road" von Gloria Steinem nahm ich als Tipp von Emma Watsons Lesegruppe 'Our Shared Shelf" bei Goodreads mit. Ich erwartete eine Art Biografie einer besonderen Frau und war schließlich überrascht und fast schon überwältigt, dass ich die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen, unglaublichen und beeindruckenden Frau zu lesen bekam. Ihr kennt diese kleinen Post-its, die wir immer brauchen, um besondere Stellen in Büchern zu markieren? "My life on the road" ist voll davon. Gloria Steinem Lebensgeschichte gehört meiner Ansicht nach in jedes Bücherregal. Was sie zu sagen hat, ist wichtig und muss gehört werden. Mir bleibt nur die Möglichkeit diese Art von Botschaft immer und immer wieder weiter zu empfehlen, so dass Steinems Worte in die Welt hinausgetragen werden. Unbedingt, und ich wiederhole, unbedingt lesen!
Und da sind wir schon wieder beim Ende, Buch Nummer sieben und meinem zweiten absoluten Lesehighlight angelangt. Auch "Max" von Markus Orths stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste, bevor das Buch endlich erschien. Sehr, sehr selten hat man das Glück eine Geschichte lesen zu dürfen, die mit so einer unglaublichen Begeisterung geschrieben wurde, wie "Max". Es ist eine Lebensgeschichte des Protagonisten, erzählt aus der Sicht von den wichtigen Frauen seines Lebens und thematisiert auf ungewöhnliche und beeindruckende Weise das zwanzigste Jahrhundert. "Max" besticht mit einem ungewöhnlichen aber unvergesslichen Schreibstil und zeigt, dass Menschen in der Lage sein können die dunkelsten Stunden des eigenen Lebens zu ertragen, wenn man sich immer wieder an die größten Leidenschaften im Leben erinnert, in Max Fall ist es die Kunst. Markus Orths neues Buch ist unglaublich besonders und lesenswert und da es mein erstes Buch von dem Autoren war, freue ich mich schon auf den Rest seiner Werke. Auch zu "Max" habe ich eine Rezension geschrieben. 

Das war er also. Mein Lesemonat September. Tolle Bücher waren mal wieder dabei. Kennt ihr möglicherweise eines oder mehrere der Bücher? Lasst es mich in den Kommentaren wissen. 

Eure Lisa.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ruta Sepetys - Ein Glück für immer



Verlag: Königskinder
Seiten: 381
Erschienen: 21. November 2014
Preis: 17.90 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Josies momentanes Leben scheint fest gefahren.
Sie lebt in einer kleinen Wohnung oberhalb der Buchhandlung, in der sie sich ein paar Dollars dazu verdient. Zusätzlich putzt sie das Haus von Willie, das hinter vorgehaltener Hand als Bordell läuft. Auch Josies Mutter fungierte lange in Willies Bordell als Prostituierte, bis sie einem kriminellen Liebhaber und ehemaligen Freier wieder trifft und überstürzt aus der Stadt verschwindet. 
Mit dem Verschwinden ihrer Mutter, scheinen plötzlich Josies Probleme anzufangen. Sie versucht verzweifelt Geld aufzutreiben, um ihren Traum von einem College in Boston und damit fernab ihrer Heimat zu verwirklichen. Als plötzlich ein reicher Geschäftsmann, der eigentlich nur auf der Durchreise war, in Josies Viertel ermordet wird, überschlagen sich die Ereignisse...

"Ich wollte immer noch glauben, dass mich meine Flügel, egal wie zerfetzt und fadenscheinig, von hier forttragen konnten". 

"Ein Glück für immer" von Ruta Sepetys spielt in New Orleans der fünfziger Jahre und beschwört, während der Lektüre, ein so intensives Gefühl für diese Stadt herauf, dass man am liebsten sofort seine Koffer packen und losziehen möchte. Dabei zeigt sich New Orleans in Ruta Sepetys Geschichte noch nicht einmal von seiner besten Seite. Im French Quarter verkehren meistens zwielichtige Typen, mit deren Begegnung sehr häufig irgendeine Art von Ärger verbunden ist. Trotzdem kann man sich dem versteckten Charme von Sepetys Schauplatz einfach schwer entziehen. Möglicherweise hat das auch viel mit den Figuren zu tun, die sie in New Orleans zum Leben erweckt. 
Josie ist gleichsam eine unglaublich sympathische, starke aber auch sehr zerbrechliche Hauptprotagonistin. Sie bewältigt Situationen, bei denen manch einer zugrunde gegangen wäre. Zugleich bewahrt sie sich aber immer ihre emotionale und zerbrechliche Seite, auch wenn sie diese nicht oft ihren Mitmenschen zeigt. Josie trägt zweifelsohne viel zur Geschichte bei. Man bewundert sie und möchte sie aber manchmal einfach in den Arm nehmen, um wenigstens einen Teil der Last auf ihren Schultern zu mindern. 
Aber auch die Nebenfiguren haben großen Anteil an der nicht zu leugnenden Tatsache, dass "Ein Glück für immer" ein wirklich wunderschönes und großartiges Buch geworden ist. Mit Cokie möchte man am liebsten nur herumhängen, Geschichten erzählen und Milchshakes trinken. Willie verkörpert den allgegenwärtigen Typus einer harten Schale mit weichem Kern. Sie mag eine herrische Person sein, doch der Leser merkt in jeder Zeile, dass sie alles für die Menschen tut, die in ihrem Herzen sind. Verbunden mit dem Punkt, dass sie immer alles zu wissen scheint, auch wenn die anderen glauben, dass es nicht so ist, macht sie zu einer unglaublich sympathischen Figur, auch wenn Willie nur ein verächtliches Schnauben dafür übrig hätte, wenn sie diese Zeilen lesen würde. 
Aber auch die Handlung in "Ein Glück für immer" steht der Figurenkonstellation in nichts nach. Sepetys hat eine wichtige Geschichte geschrieben über ein Mädchen, das ihren Platz im Leben sucht. Zudem ist es aber auch eine Geschichte über eine komplett gescheiterte Mutter-Tochter Beziehung, die mehr als einmal wütend macht. So eine Mutter wie Josie sie hat, wünscht man sicherlich niemandem. Glücklicherweise entpuppen sich andere Menschen in ihrem Leben als die Familie und den Halt, den Josie wirklich braucht. 
"Ein Glück für immer" ist gewiss keine Geschichte, die über eine heile Welt erzählt. Josie musste früh lernen erwachsen zu werden, ihr Leben läuft knapp neben der Grenze zur Illegalität und sie selbst plagen Selbstzweifel, ob sie ihrem Leben im Quarter jemals entfliehen kann. Trotzdem schimmert zwischen den Seiten immer wieder Hoffnung hindurch, dass doch alles wieder gut werden kann. 
Ein tolles und besonderes Buch, das man unbedingt lesen sollte. 

Dienstag, 17. Oktober 2017

Andrea De Carlo - Ein fast perfektes Wunder




Verlag: Diogenes
Erschienen: 27. September 2017
Seiten: 400
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)








Milena betreibt mit einer leidenschaftlichen Obsession ein Eiscafé in der Provence. Ihre verschiedenen und außergewöhnlich kreativen Eissorten sind mittlerweile so bekannt, dass sie ihren Laden auch außerhalb der Saison betreiben kann. Außerdem zieht ihre süße Schlemmerei mittlerweile auch Publikum von außerhalb an.
Als Milena eines Tages dem berühmten Rockstar Nick über den Weg läuft, stellt sich ihre gesamte kleine und heile Welt plötzlich auf den Kopf. Nick ist Leadsänger einer Band und gibt demnächst ein Konzert in dem kleinen Städtchen. Doch vorher kommt er in den Genuss von Milenas Eis und kann seitdem nicht mehr aufhören an sie zu denken...

"Ein perfektes Wunder" von Andrea de Carlo hörte sich im Vorfeld wie die fast perfekte Lektüre für den Spätsommer an und ich darf behaupten, dass sie alles gehalten hat, was sie versprach. De Carlos Geschichte über eine leidenschaftliche Zauberin an der Eismaschine und einem leicht in die Jahre gekommenen Musiker, der auf der scheinbar endlosen Suche nach ein bisschen Ruhe zu sein scheint, ist eine hauchzarte Liebesromanze geworden. 
Aber nicht nur das.
"Ein perfektes Wunder" erzählt vom Leben zweier Menschen, die geglaubt haben, ihren Platz im Leben gefunden zu haben, durch die gemeinsame Begegnung aber erkennen, dass ihrer beider Leben in Wahrheit nur eine Verkettung und Aneinanderreihung von endlosen Kompromissen zu sein scheint. Dabei enttarnen sich beide Protagonisten als unheimlich friedliebende Menschen, die während des gesamten Handlungsstrangs versuchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Dass das nicht gut gehen kann, wird dem Leser sehr schnell deutlich. Der Sympathie und der Faszination gegenüber beiden Hauptfiguren tut dies aber keinen Abbruch. Nicht oft liest man über zwei Personen mit so vielen unterschiedlichen und interessanten Facetten, deren Leben aber nicht verschiedener sein kann und die sich trotzdem zueinander hingezogen fühlen und scheinbar zufällig immer wieder aufeinander treffen. Milena verkörpert dabei die Figur einer leidenschaftlichen Frau, die freiheitsliebend gerne tagtäglich ihrer Bestimmung nachgehen will, von ihrem privaten Umfeld aber immer wieder daran gehindert und nicht ernst genommen wird. Nick hingegen hat schon lange seine Begeisterung und Leidenschaft für das, was er macht, verloren. Gefangen in einer endlosen Spirale der immer gleichen Songs, Bandmitgliedern, die er mittlerweile verabscheut und Fans, die jede kleinste musikalischen Abweichung mit Ablehnung begegnen, sucht Nick eigentlich nur einen Platz, an dem er alleine und er selbst sein kann. Unglücklicherweise wird in seinem Haus momentan seine eigene Hochzeit ausgerichtet, was einen Rückzugsort fast unmöglich macht. 
"Ein fast perfektes Wunder" ist eine Hommage an die kleinen Dinge im Leben geworden, die wir viel zu selten wahrnehmen und die unser Leben aber so viel besser machen könnten. Es ist eine Geschichte für all diejenigen, die keinem festen Plan im Leben folgen, sondern das tun, wofür sie Begeisterung hegen. Wir begegnen zwei Menschen, die so viel Abstriche in ihrem Leben machen mussten, dass es zwangsläufig zum großen Knall kommen musste. Andrea de Carlo schafft es allerdings diesen Knall schon fast slapstickmäßig unglaublich unterhaltsam zu gestalten, so dass "Ein fast perfektes Wunder" zu einer liebenswürdigen, teilweise witzigen und melancholischen Lektüre geworden ist. Eine Liebesgeschichte für all diejenigen, die auch einmal abseits von typischen Liebesgeschichten lesen. Einfach herrlich untypisch.